05.12.16 15:08 Alter: 290 Tage

Über die gierige, verlogene Welt des großen Geldes

Hans-Peter Leitenberger, Heidenheimer Zeitung

Mit Charme und Nonchalance trat Chin Meyer am Freitagabend in der ARCHE mit „Reichmacher, Reibach sich wer kann“ auf.


Das Gebaren der Finanzindustrie könnte man alleine schon kabarettistisch nennen, wenn nicht dadurch weltweit Millionen Men­schen in Not und Elend gestürzt worden wären. Der „Finanzkabarettist“ Chin Meyer wagte sich am Freitagabend mit seinem Programm „Reichmacher, Reibach sich wer kann“ in der Arche Dischingen auf dieses schwierige Terrain und er tat dies mit Charme und Nonchalance, dazu mit einem manchmal zu flotten Tempo. Doch die Pointen saßen, selbst wenn sie in kleinen Nebensätzen von der Bühne gefeuert wurden.

Blitzschnell konnte er in ver­schiedene Rollen schlüpfen, so etwa als „Steuerprüfer Siegmund von Treiber“, der Formulare zur Selbstanzeige mitgebracht hatte. „Ausfüllen, abgeben, nachzahlen“ verlangte er ja nur und konnte ge­nüsslich einige Damen und Herren in geschäftsmäßiger Kleidung in den vorderen Sitzreihen ausmachen, die sich als Mitglieder des Wirtschaftsclubs Ostwürttemberg zu erkennen gaben.

Widerstand zwecklos

Natürlich war auch eine „echte Bankerin“ im Publikum. Meyers Prädikat „schlaue Sau“ ertönte so anerkennend und schlagfertig, dass der Eindruck einer Beleidigung gar nicht erst entstehen konnte. Seine Fragen nach den Vornamen der An­gesprochenen kamen so entwaffnend, dass keiner widerstehen konnte und sie waren auch seine besten „Pointenlieferanten“.

Der Steuerfahnder bestritt vehement, dass Deutschland verarmt sei. Staatsschulden von zwei Billionen Euro seien doch ein Klacks, wenn man zwei Millionen Steuerfahnder einstellen würde, von denen jeder eine Million eintreiben könnte.   Maschinengewehrartig zählte er die Steuerarten auf und lobte dabei, die Raucher, die brav ihre Tabaksteuer entrichten. Nicht- oder Passivraucher, so Chin Meyer, seien „geradezu Steuerhinterzieher“.

Auch die Lebensversicherung sei schließlich nur eine Wette: Der Versicherer wette, dass der Kunde steinalt werde, die Ehefrau wette dagegen. So gesehen sei ein Gang durch Kabul sicherer als der Weg zum Altar. Profitgier beim Pferde­fleisch-Skandal anzuprangern klang etwas angestaubt, aber warum dann keine Hunde im Essen? „Rollmops aus echten Möpsen“ wäre doch was. Mitunter geriet Chin Meyer etwas unter die Gürtellinie, was er nicht nötig gehabt hätte. Doch die haarsträubenden Belohnungsreisen der Versicherungsvertreter mit „Poolwochenende“ sorgten für Lacher. Wenn die Mädchen mit in den Pool hopsen, bekäme das Wort „Finanzblase“ doch eine ganz andere Bedeutung.

Doch es ging ja um das „Reichmachen“. Da kann die „staatlich anerkannte sexuelle Wirtschaftsallianz“, auch Ehe genannt, schon etwas bewirken. Chin Meyer beherrschte die zynische, oft verlogene Terminologie des Finanzwesens perfekt. Erstaunlich ehrlich kamen die Vorschläge aus dem Publikum auf den von Chin Meyer verteilten Karten mit der Auf­schrift: „Reichmacher, das sind für. mich?“. Lotto? Eher unwahrscheinlich bei den Gewinnchancen. Reiche Frauen oder Männer heiraten, geht auch. Wenn das Kind endlich ausgezogen ist, stehe dem Reichtum nichts mehr im Wege stand auf einer anderen Karte, aber der, „Goldesel mit Durchfall" sorgte für. anerkennenden Applaus. Als Politiker hätte man zudem die Chance, sich „nach oben zu schrödern“.

Chin Meyers stimmliche Fähigkeiten kamen beim Covern bestimmter Schlager zur Finanzwelt glänzend zum Ausdruck. Welche Richtung nimmt der Euro? „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“. „Akropolis adieu“ trällerte er auf die Frage, welches Land wohl als erstes den Euro verlassen werde.

Herrliche Zugabe

Meyer verschonte keine Unsäglichkeit der Finanzakteure. Dass die Deutsche Bank bald türkisch werde oder womöglich bei Aldi als Sonderangebot im Regal liege, machte nicht nur nachdenklich, sondern auch wütend. Ob „Kursrakete“, „Reichmacher“ oder „strukturierte Finanzprodukte“ wie die „Triple Fun-Anleihe“ zur Finanzierung des „Easy Fuck-Puffs“, Chin Meyer ließ keine ätzende Gemeinheit aus, um die gierige, verlogene Welt des großen Geldes zu entlarven.

Eine herrliche Zugabe bot er mit einer Hymne auf Dischingen, aus. dem Stegreif gegeben nach Zurufen aus dem Publikum, von der B 29 bis. zu Windrädern, die ein Besucher lieber in Bayern gesehen hätte. Geistreich und frech ging es zu und Meyers Vorname Chin schien zu ihm zu passen. Denn im südchinesischen Dialekt bedeutet Chin so viel wie Wert, aber auch Geld.